1975 Stoffe, Schaufenster und eine Säge

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte Lychen zunächst zur sowjetischen Besatzungszone, von 1949 bis 1989 dann zum sozialistischen Staat DDR. Besucher aus dem Westen kamen in diesen Jahren kaum hierher - wohl aber Erholungssuchende aus den Bezirken Erfurt oder Karl-Marx-Stadt: Etliche DDR-Betriebe unterhielten nämlich in der Sieben-Seen-Stadt Ferienobjekte und Betriebsferienlager.
Im Ladengeschäft der SOMMERFRISCHE war damals ein sogenannter „Konsum“ für Bekleidung der gleichnamigen DDR-Handelskette untergebracht; um 1960 wurden dafür auch die Schaufenster in die Fassade eingebaut. Vorn im Laden gab es Obertrikotagen und Wäsche von der Stange, weiter hinten lagerten riesige Stoffballen. Im ersten Stock (dort, wo heute die kleinste unserer Ferienwohnungen ist) saß eine Schneiderin an der Nähmaschine und kürzte Hosen oder änderte Bündchen.
Um 1975 wurde das gesamte Gebäude saniert. Bei den Arbeiten fand man im Innenhof Munitionsreste aus dem Krieg. Und im Dachgeschoss des Straßenhauses richtete sich ein Lychener eine Wohnung für seine Familie ein. Als wir viele Jahre später mit ihm durch das Haus gingen, erklärte er uns, wie mit der Familie auch die Wohnung wuchs: „Als es uns die beiden Zimmer zu eng wurden, sägte ich ein Loch in die Decke und wir richteten unter dem Dach unser neues Schlafzimmer ein.“